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 Faszination Segelflug
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 36. VGC Rallye in Wels

 

 

Tagesberichte vom Flugtag "Faszination Segelflug" in Bückeburg
Eindrücke des OSC-Pressereferenten in Form eines "Blogs" (Internet-Tagebuchs)

 

Foto: Jens-Christian Henke

Noch steckt der Habicht überwiegend im Hänger

Hinweis: Einfach auf die Bilder im Text klicken, um diese in einer höheren Auflösung anzuschauen!

Freitag, der 15.08.2008

Ich habe mir kurzfristig Urlaub genommen, um schon am Freitag ganz in Ruhe zum Flugtag nach Bückeburg fahren zu können. Vormittags geht's los in Wiesbaden. Auf der Wasserkuppe hole ich den Hänger mit dem blauen Habicht ab. Karl-Heinz zeigt mir noch ein paar Verbesserungen, die er am Hänger vorgenommen. Er hat auch eine Seitenruderschere gebaut, die nicht nur den Transport vereinfacht, sondern auch am Boden verhindert, dass das Seitenruder bei Windstößen ungewollt bis an den Anschlag ausgelenkt wird.

Die Fahrt nach Bückeburg verläuft planmäßig - es gibt keine Staus. Nur die letzten Kilometer zum Flugplatz gestaltet das Navigationsgerät etwas "kreativ", da ich keinen Straßennamen, sondern die GPS-Koordinaten des Flugplatzes in das "Navi" eingegeben habe. Die Feldwege bleiben aber breit genug für das Gespann. Nur am Flugplatz selber müssen ein paar Autos umgeparkt werden, damit ich mit dem Anhänger auf den Rasen komme.

Ich rufe gleich nach meiner Ankunft Christoph Zahn an und erfahre, dass seine Eltern bereits auf dem Weg sind und er erst nachts nachkommen kann, weil er noch arbeiten muss. Als hätten wir uns verabredet, treffen Clemens und Lydia Zahn wenig später mit dem roten Habicht auf dem Flugplatz ein. 

Trotz der sehr großen Unterstützung von Clemens benötige ich an die 4 Stunden, um den Habicht aufzurüsten. Es ist bereits fast dunkel, als wir das historische Kunstflug-Segelflugzeug in die Flugzeughalle schieben.

Thomas beschreibt mir den Weg zu seiner Pension, zu der ich recht bald fahre. Dort sitzt bereits das "Troika-Team", das mit einer Wilga und drei Piraten angereist ist. Wir unterhalten uns noch ein wenig auf der Terrasse der Pension.

 
 

Foto: Jens-Christian Henke

Weltpremiere in Bückeburg: Erstmals seit über 70 Jahren haben sich zwei Habichte an einem Ort eingefunden. Im Vordergrund die kleineren Brüder

Samstag, der 16.08.2008

Nach einer ruhigen Nacht und einem guten Frühstück fahre ich bei blauem Himmel und Sonnenschein zur "Faszination Segelflug". Was für ein Glück haben wir bloß mit dem Wetter, wenn man bedenkt, dass sich der Wettergott diesen Sommer nicht ein einziges Mal zu einer wenigstens halbwegs beständigen Hochdrucklage durchringen konnte...

Der rote Habicht ist bereits fast fertig aufgerüstet, als ich auf den Flugplatz komme. Das eingespielte Zahn-Team erledigt diese Tätigkeit in weniger als 1 h.

Da das Treffen der Habichte bereits groß in der Presse angekündigt wurde, besteht der erste Tagesordnungspunkt in einem Fototermin mit den beiden Habichten zusammen mit ihren kleineren Brüdern. Seit dem Ende des Krieges sind erstmals wieder zwei manntragenden Habichte an einem Ort vereint. Ein toller Anblick!   

Die Flugveranstaltung "Faszination Segelflug", die von Cheforganisator Bernd Vogt ins Leben gerufen wurde, hält aber noch sehr viele andere Leckerbissen bereit. Zunächst einmal begeistern die Flugzeuge am Boden. Das gilt sowohl für die großen als auch für die kleineren Motor- und Segelflugzeuge.

Die Dutzenden aus halb Europa angereisten Modellsegelflugzeuge sind überwiegend im Maßstab 1:3 gebaut. Es finden sich sowohl Spezies aus den 30er Jahren (z.B. Habicht, Reiher III) als auch Nachkriegstypen (z.B. K8, Wilga) und Exemplare des "Standes der Technik" (Nimbus 4, DG-1000). Fast aus den Puschen haut mich eine Ka4 Rhönlerche mit ca. 10 m Spannweite und 85 kg Abfluggewicht, deren Erbauer aus der Schweiz kommt. Das Flugzeug ist fast genauso gebaut wie das Original - nur halt ein bisschen kleiner. Eine Weltpremiere dürfte der Schlepp dieses riesigen Modells im Maßstab 1:1.4 mit einer Piper Cub im Maßstab 1:1 sein. Auf dem Foto fällt dem erfahrenen Segelflieger die besorgniserregend hohe Position hinter der Schleppmaschine auf, aber sicherlich nicht, dass es sich um ein ferngesteuertes Modellflugzeug handelt.

Foto: Jens-Christian Henke

Sowas habe ich noch nie gesehen: Eine manntragende Piper Cub schleppt das ferngesteuerte Modell einer Rhönlerche im Maßstab 1:1.4

Christoph Zahn testet die Sitzposition im blauen Habicht aus, die sich ein wenig von der im roten Habicht unterscheidet. Am frühen Nachmittag machen wir uns bereit zu unserem ersten gemeinsamen Flug. Christoph startet zuerst hinter einer Remorquer und ich danach hinter einer Bellanca. Mein Schlepppilot gibt herzhaft Gas, um den Habicht-Schleppzug voraus einzuholen. Mit 150 km/h, der für den Habicht höchstzulässigen Geschwindigkeit für Flugzeugschlepp, fliegt der rote Habicht bereits im Querabflug neben und nicht mehr vor uns. Wir präsentieren die beiden Habichte den Zuschauern zunächst im parallelen Vorbeiflug im F-Schlepp. Danach werden wir auf 800 m über Grund geschleppt. Kurz nach dem Ausklinken trägt uns ein kräftiger Aufwind auf 1200 m über Grund. Wir kreisen eng im Aufwind, was mir sehr viel Spaß macht. Der Anblick des roten Habichts in der Luft aus allernächster Nähe wird mir noch lange in schöner Erinnerung bleiben. Wann wohl das letzte Mal zwei Habichte in einem Aufwindschlauch gekurbelt wurden? Über 70 Jahre ist das sicherlich her... Im Verbandsflug bauen wir langsam unsere Höhe ab, bis der Luftraum frei ist für einen gemeinsamen tiefen Überflug mit anschließender Landung.

Später zeigt Stephan Beck Überflüge mit seiner ASW 22 BLE - ein "Formel 1"-Segelflugzeug der neuesten Generation für Weltmeisterschaften und Weltrekorde. Mit einem Habicht ist genau ein Überflug mit anschließender 180° Kehrtkurve möglich. Die ASW 22 BLE zeigt dieses Manöver gleich viermal hintereinander. Das zeigt den Leistungssprung in der Entwicklungsgeschichte von Segelflugzeugen! Erst der Einsatz von Kohlefaser hat die Entwicklung solcher extrem dünner Profile möglich gemacht. So kommt die ASW 22 BLE ohne Aufwinde aus 1000 m Höhe dreimal so weit wie der Habicht - 60 km.

Nur wenige Piloten in Europa haben die Genehmigung, einen sog. Troika-Schlepp durchzuführen. Nach dem Start sieht man, wie die Piloten der drei Segelflugzeuge vom Typ "Pirat" mit schnellen Ruderbewegungen dafür sorgen, dass ihre Position genau stimmt und dass kein Schleppseil einen voraus fliegenden Segler behindert. Die drei Schleppseile sind 20m, 40m und 60m lang.

Foto: Jens-Christian Henke

Das ist ein Hauptelement der "Faszination Segelflug" - hervorragend gebaute Scalemodelle treffen auf ihre Originale.

Eine weitere Attraktion für die Zuschauer ist der Vorbeiflug des größten Segelflugzeuges der Welt mit über 30m Spannweite: Der 50-fache Weltrekordpilot Hans-Werner Grosse nutzt die gute Thermik und fliegt von seinem Heimatflugplatz Lübeck nach Bückeburg. Landen möchte er aber nicht, höre ich im Funk, da er den Flug als Wettbewerbsflug werten möchte. Seinen 636 km(!) weiten Flug nach Bückeburg (nordöstlich der Porta Westfalica) kann man sich hier anschauen. Hans-Werner wird übrigens dieses Jahr 86 Jahre alt und ist fitter als die meisten 68-Jährigen und sicherlich hängt er auch so manchen 68er ab.

Ich mache noch einen "Allein"-Start mit dem Habicht und lasse mich auf 500m schleppen. Als mir endlich im Norden des Flugplatzes der Thermikanschluss gelingt, kündigt sich Christoph mit seinem einmaligen Habicht-Kunstflugprogramm an und ich fliege aus seiner Kunstflugbox heraus an den Ostrand des Flugplatzes. Zum Glück finde ich wieder einen Aufwind, so dass ich mir seine präzise Vorführung aus der Luft ansehen kann. Das hat schon was: In der Luft in einem Habicht sitzend einem anderen Habicht beim Kunstfliegen zuzuschauen! Christoph fliegt sein Kunstflugprogramm "mit Rauch": Je zwei Rauchpatronen an jeder Flächenspitze verstärken die "Dreidimensionalität" seines Flugweges. Die Begleitmusik kann ich natürlich aus meiner Flughöhe nicht hören, aber insgesamt fliegt der rote Habicht an diesem Wochenende viermal, so dass ich sein Programm auch vom Boden aus genießen kann. Von Westen zieht abschirmende Bewölkung heran und ich kann mich nach über 1 h Thermikflug nicht mehr lange in der Luft halten. Über Funk stimme ich noch einen tiefen Überflug ab, den man übrigens kaum zu hoch ansetzen kann, da der Habicht bei über 160 km/h Fluggeschwindigkeit keinen sonderlich guten Gleitwinkel mehr hat. Tiefe Überflüge sind übrigens ein ganz normaler Bestandteil von Wettbewerbsflügen. Würde ich allerdings mit meinem "Jogurtbecher" (ein moderner Doppelsitzer aus Kunststoff) den tiefen Überflug - wie beim Habicht erforderlich - in 400 m Höhe beginnen, dann würde das nicht gut gehen, da ich die höchstzulässige Geschwindigkeit von 280 km/h locker überschreiten würde.

Abends setze ich mich zu meinen VGC (Vintage Glider Club) Vereinskameraden an die Bierbank. Harald Kämper & Co sind mit einem wunderschönen, transparent bespannten Kranich II, einem Kranich III sowie einem Cumulus angereist. Gerd Hermjacobs ist mit seiner Weihe 50 gekommen, die als "bewegliches technisches Denkmal" in die Denkmalliste der entsprechenden Behörde eingetragen ist.

Auch völlig neu für mich sind ferngesteuerte Modell-Ballone, die nach Einbruch der Dunkelheit die verbliebenen Zuschauer mit einem "Modell-Ballonglühen" erfreuen. Analog zu den manntragenden Ballonen müssen Modellballonfahrer extreme Frühaufsteher sein, um die Fast-Windstille für Fahrten nutzen zu können. (Nix für mich.) Mir wird berichtet, dass man heute morgen (ganz ganz früh) mit den Modellballonen "Rundfahrten" machen konnte, weil der sehr leichte bodennahe Wind genau entgegengesetzt zum sehr leichten Wind oberhalb von ca. 20m Höhe war.

 
 

Sonntag, der 17.08.2008

Sowohl der Habicht als auch ich haben gut genächtigt. Ich packe meine Sachen und bedanke mich nach dem Frühstück bei den Bodes für die gute Unterbringung. Diesmal bin ich rechtzeitig zum Aushallen auf dem Flugplatz.

Der Wettergott meint es immer noch gut mit uns. Im Briefing um 10 Uhr erfahren wir, dass das Wetter auch heute sonnig und trocken bleiben wird.

Claudia war aus familiären Gründen in Norddeutschland. Ich hole sie in Bückeburg vom Bahnhof ab.

Wie gestern mache ich einen "Allein"-Start. In einem Nullschieber kann ich für gut 10 min meine Höhe halten, dann folgt ein tiefer Überflug mit Umkehrkurve. Die bodennahe Messerfluglage mit "Lustschrei" traue ich mir noch nicht zu. Wahrscheinlich müsste ich auch Lizenzgebühren an Christoph zahlen...

Heute wollen wir den Zuschauern die beiden Habichte im Verband mit der ASW 22 BLE und der gelben Lunak präsentieren. Die "22" kommt dank Klapptriebwerk alleine in die Luft. Die drei Segler werden mit den drei verfügbaren Schleppmaschinen kurz nacheinander in die Luft befördert.

Foto: Jens-Christian Henke

Auch am Sonntag war des Wetter gut!

Die 150 km/h Schlepp-Geschwindigkeit zum Aufholen des voraus fliegenden roten Habichts kenne ich ja schon von gestern. Bei dem Sturm lässt man den Kopf besser schön in der Mitte des Cabrio-Cockpits, so dass die kleine Scheibe den Fahrtwind über den Kopf lenkt. Eine sehr weite Platzrunde gibt genug Zeit, damit die Schleppmaschinen sich in einer Dreiecksformation anordnen können. So fliegen wir einmal an den Zuschauern vorbei, bevor wir auf 1100 m Höhe über Grund geschleppt werden. Dort treffen wir den weißen Kunststoffsegler der offenen Klasse und bilden eine Diamant-Formation: Vorne weg die 22, die ihre Bremsklappen gut sichtbar ausfahren muss, damit sich der Gleitwinkel mit den beiden Habichten verträgt, die an der linken und rechten Fläche fliegen. Dahinter fliegt der Lunak ein paar Kunstflugfiguren, während die Formation in 600 m Höhe an den Zuschauern entlang gleitet. Die beiden Habichte schließen die Vorstellung mit einem tiefen Parallelüberflug ab.

Ich lande den blauen Habicht querab der Anhänger, da es Zeit wird, nach Hause zu fahren. Morgen muss ich wieder arbeiten. Beim Abrüsten ist Clemens wieder eine große Hilfe. Ich hatte gehofft, dass das Abrüsten wesentlich schneller geht, aber am Ende vergehen wieder fast 4 h, bis der Habicht gesichert im Hänger untergebracht ist.

Christoph zeigt - wie bereits gestern - einen Formations(kunst)flug mit dem ferngesteuerten Habicht-Bruder. Auch das ist ein Programmpunkt, der bisher auf keinem Flugtag zu sehen war. Was man sicherlich nicht erwartet: Die Fluggeschwindigkeiten und Gleitleistungen des großen und kleinen Habichts harmonieren verblüffend gut.

Es ist längst dunkel, als Claudia und ich die Wasserkuppe erreichen: Nachdem wir den Anhänger abgestellt, die Bordpapiere ins Büro geräumt und den Akku für das Funksprechgerät an das Ladegerät gehängt haben, geht's weiter nach Wiesbaden. Ziemlich spät sind wir endlich wieder zu Hause.

Foto: Claudia Gallikowski

Tiefer Überflug im Flugzeug-Schlepp: Wilga mit Lunak, Bellanca mit blauem Habicht

Ein großes Dankeschön an Bernd Vogt und sein Team für die in jeder Hinsicht sehr gelungene Veranstaltung "Faszination Segelflug"! Es wäre toll, wenn es in zwei Jahren wieder zu so einem ungewöhnlichen Treffen von Modell- und manntragenden Segelflugzeugen am Boden und in der Luft kommt!

Jens-Christian Henke

 

 

 

Letzte Bearbeitung am 20. November 2008