





















|
|
15.+16.
September 2007
Erlebte Rhöngeschichte(n):
Von Ostwestfalen bis an den Südhang der Wasserkuppe ...
... ist es
eigentlich gar nicht soweit. Genau betrachtet sind es 250 km, die ich in
den vergangenen Jahren von Bielefeld aus schon oft und bequem in
2½ Stunden zurückgelegt habe. Auch in diesem Jahr hatte sich an der
Entfernung natürlich nichts geändert, jedoch erschien mir der vertraute
Weg diesmal bereits Monate im voraus viel "beschwerlicher" und "länger"
als je zuvor. Und das kam so:
Nachdem sich die "Akaflieg
Bielefeld" 1994 zum ersten Mal mit einer kleinen Gruppe zum SG-Fliegen
auf der Wasserkuppe eingefunden hatte, gab es in den Folgejahren immer
wieder Bestrebungen zu einer Neuauflage. In 13 Jahren kamen wir
allerdings nie über ein "... MAN SOLLTE ... KÖNNTE ..." hinaus.
Dann kam der April
2007 und ganz Ostwestfalen erlebte über Wochen bestes Sommerwetter.
Während Hochdruckwetterlagen dieser Art dem Normalbürger und
"Nichtflieger" einen eher bescheidenen und relativ einseitigen
Handlungsrahmen zwischen Freibad, Würstchengrill und Biergarten
erschließen, eröffnen sich für den Segelflieger unter identischen
Bedingungen jedoch regelrechte "Phantasiewelten". Dann wird – wie der
Name ja schon sagt – mit "Hochdruck" daran gearbeitet, die persönlichen
Bestmarken regelrecht in neue Höhen zu "schrauben". In diesem Frühjahr
beflügelte die ostwestfälische Aprilsonne aber nicht alle
Segelfliegerhirne gleichermaßen zur gewohnten – von GPS und Logger
gestützten – Hetzjagd über Land. Diesmal hatten sich ganz offensichtlich
auch "Träumereien" der anderen Art in manche Köpfe "verirrt" und so
erreichten mich gerade in diesen Tagen etliche Anfragen, die eine
Sehnsucht nach "Holz", "Gummiseil" und "Südhang" erkennen ließen. Und da
es meinen Fliegerkollegen nicht verborgen geblieben war, dass ich auch
nach 1994 wiederholt auf dem schmalen Sitz eines Schulgleiters gesessen
hatte, wurde mir natürlich sofort das obligatorische "MACH DOCH MAL"
zuteil. Auch mein Gemüt hatte sich mit der Aprilsonne zu einem
"Euphorie-Gemisch" erster Güte vereint und so erschien mir die Planung
unseres zweiten Vereinsausfluges zur Wasserkuppe (zusammen mit 7 Piloten
des Beckumer Vereins) eher als freudiges Ereignis, denn als "nervtötende
Endlosaufgabe". Gesagt getan schrieb ich wenige Tage später eine E-Mail
an Dieter vom OSC. In den ganzen Jahren hatte ich ihn immer wieder beim
SG-Fliegen auf der Kuppe getroffen und dabei stets im Stillen gehofft,
noch einmal das Fliegerdenkmal vom hinteren Sitz seiner gelben Piper aus
sehen zu dürfen...
Nach einigen E-Mails
zwischen Bielefeld und Berlin "reichte" er mich an Karl-Heinz Kellermann
weiter, und da ich im Sommer ohnehin einen Termin in Frankfurt hatte,
vereinbarten wir sogleich ein Treffen auf der Wasserkuppe. Dabei erfuhr
ich, dass für unser Vorhaben eine Mindestteilnehmerzahl von 20 Personen
gefordert war – was mir seinerzeit als lösbare Aufgabe erschien. Aber
dann änderte sich nicht nur das Wetter: Mit Beginn des "Herbstsommers"
2007 schien parallel dazu auch die Euphorie für das SG-Fliegen zu
schwinden, denn plötzlich wandelte sich das eindeutige "JA" aus den
Apriltagen immer öfter zu einem uneindeutigen "MAL SEHEN"! Aussagen
dieser Art stellen für jeden "Organisator" natürlich die "Höchststrafe"
dar, denn wie soll man mit einem "MAL SEHEN" eine konkrete Planung auf
die Beine stellen? Es kam in diesen Wochen aber noch schlimmer: Als mich
ein Flugschüler fragte, ob wir auch unsere LS 4 mitnehmen könnten (!),
wurde mir schlagartig klar, dass Planung und Erwartung hier nicht
unbedingt einheitlich angelegt waren.
Zum ersten Mal kamen
mir Zweifel und ich fragte mich, ob es wirklich Sinn macht, "moderne"
Piloten mit den "körperlichen Anstrengungen" und "gruppendynamischen
Verbindlichkeiten" längst vergangener Tage zu konfrontieren. Aber was
sollte ich tun? Alles wieder absagen und noch einmal 13 Jahre warten?
Das war auch keine Lösung!
Also setzte ich mich
hin und verfasste eine ausführliche Informationsschrift, die ich an alle
interessierten Mitglieder unseres Vereins verschickte. Darin informierte
ich nicht nur über die Entstehungsgeschichte von "Gummiseil" und
"Schulgleiter", sondern berichtete auch über den mühevollen Startablauf,
schlechten Gleitwinkel und die Sehenswürdigkeiten auf der Wasserkuppe.
Fortan konnte mir somit niemand mehr vorwerfen, dass er nicht gewusst
hätte, was ihn "da unten" erwartet. Einige hatten mein Bemühen aber ganz
offensichtlich als "Warnung" verstanden, da sich die Teilnehmerzahl in
den folgenden Wochen kontinuierlich verringerte! Am Samstag, den
15. September, waren von ehemals 28 Piloten schließlich nur noch
"magere" 20 geblieben. Knapp - doch es reichte und so machten wir uns um
7 Uhr auf den Weg. Aber dann passierte etwas, was ich bis dahin unter
"erwachsenen" Menschen niemals für möglich gehalten hätte: Nach
monatelangem Planen, Verhandeln, Überzeugen und Motivieren klingelte um
kurz nach 7 Uhr mein Handy und vier weitere "Interessenten" meldeten
sich wie selbstverständlich bei mir ab! Für ein "Zurück" war es aber nun
zu spät und so fuhr ich mit einem unguten Gefühl zur Wasserkuppe.
Gegen 10 Uhr trafen
wir die Gruppe des Beckumer Vereins vor dem Segelflugmuseum. Als wir uns
gemeinsam auf den Weg zum Briefing machten, wehte uns ein eisiger Wind
ins Gesicht, der zudem auch noch dunkle Wolken über die Kuppe jagte.
Hatte sich nun auch noch Petrus mit dem alten Rhöngeist gegen uns
verbündet? Wenige Minuten später erreichten wir die Halle des OSC und
wurden freundlich von Karl-Heinz begrüßt. Nun musste ich meinen ganzen
Mut zusammen nehmen und "gestehen", dass wir lediglich mit 16 Personen
angereist waren. Ich hatte mich schon auf das Schlimmste eingestellt und
war demzufolge sehr erleichtert, als Karl-Heinz ganz souverän konterte:
"Dann müsst ihr eben etwas mehr laufen!" Nach der Einweisung begannen
wir sofort mit der "Arbeit" und standen nur wenig später samt Gummiseil,
Schulgleiter und "Versorgungsfahrzeug" am kleinen Südwesthang. Ein
kurzer Start des Fluglehrers verlief nicht zufriedenstellend, so dass
sich unsere Gruppe bald darauf mit dem geschulterten Gummiseil und in
prozessionsähnlicher Aufreihung wieder in Bewegung setzte. Der Wind
hatte gedreht und somit schien ein weit abgelegener Hang im südlichen
Bereich geeigneter. Es war ein langer
Marsch, vorbei an neugierigen
Kühen und einem von Karl-Heinz festgefahrenen Trecker. Aber dann stand
der Gleiter auch schon wieder am Start und ich durfte mir nach drei
Jahren "Pause" endlich wieder einmal den Wind um die Nase wehen lassen.
Bei starker, seitlicher Komponente und nur mäßigem Gefälle reichte es
jedoch lediglich für 9 Sekunden. Dann war Jürgen an der Reihe, der
hauptberuflich am Flügel des A380 "bastelt". Konzentriert saß er nun auf
dem winzigen Sperrholzsitz des Schulgleiters und wartete gespannt auf
seinen ersten Start – konnte es für ihn einen größeren Kontrast geben?
Der Wind wehte unverändert von der Seite und so erlebte auch er nur
einen kurzen Flug. Nach dieser mageren Ausbeute entschieden sich die
"Rhönindianer" des OSC abermals zu einem Standortwechsel. Und da der
Wind wieder aus SW kam, kehrten wir an unseren Ausgangspunkt zurück.
Innerlich hatte ich mich bereits auf ein erstes "Murren" eingestellt, da
wir uns in Oerlinghausen neuerdings nur noch mit einem Rückholfahrzeug
an vergleichbare Distanzen "wagen". Doch da hatte ich unsere Gruppe
falsch eingeschätzt, denn die zeigte sich zwischenzeitlich von der
Landschaft, "endlosen" Fernsicht und den immer noch blühenden Wiesen
regelrecht begeistert. Gegen Mittag erreichten wir abermals den SW-Hang.
Nun wurden wir von Josef betreut, einem extra aus Österreich angereisten
Fluglehrer des OSC. Geduldig gab er jedem Piloten die nötigen
Anweisungen und hatte auch sonst stets ein wachsames Auge darauf, dass
sich keiner zu oft an den Halteseilen "ausruhte"! Schon der erste Start
brachte eine deutlich längere Flugzeit und dann ging es Schlag auf
Schlag: Ausziehen – Laufen – Los! Alles klappte hervorragend und wurde
zudem mit so viel Spaß und Eifer ausgeführt, dass der unbedarfte
Rhönwanderer hinter unserem Treiben wohl eher eine Passion, als eine
zufällige Freizeitbeschäftigung vermuten musste! Dann flog Robert,
der erfahrenste Pilot unserer Gruppe. Vom Boden aus konnten wir sehen,
wie er ohne Brille mit seinen Tränen kämpfte. Dennoch verlief sein Flug
ohne Probleme und er landete nach 20 Sekunden glatt. Als wir mit dem
Gummiseil wieder den Startpunkt erreichten, schien unsere ausgelassene
Stimmung jedoch ein jähes Ende gefunden zu haben, denn plötzlich tönte
mir das unter Fliegern gefürchtete Wort der "Luftraumverletzung"
entgegen. Ich schaute in Josefs Gesicht und war zunächst sprachlos, als
er seinen Vorwurf auch noch präzisierte: "Euer Kollege ist gerade in den
Luftraum 'Licher' eingeflogen!" Ich konnte es nicht fassen! Hatten wir,
diese viel zu kleine Gruppe aus Oerlinghausen, denn schon wieder etwas
falsch gemacht?
Im Bruchteil einer
Sekunde durchforstete ich mein gesamtes Theoriewissen aus 30 Jahren
Segelfliegen und 17 Jahren Fluglehrerdasein, aber an einen Luftraum 'Licher'
konnte ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Und so dauerte es
einige Sekunden, bis ich hinter Josefs ernstem Blick – der zumindest in
meiner Phantasie problemlos das Spektrum "bayerischer Grantler" bis
"Mafia-Boss" abdecken könnte – ein leichtes Blitzen erkannte und
begriff, dass es sich beim Luftraum 'Licher' um eine wenige Millimeter
große, und von ihm willkürlich diagnostizierte Abweichung vom
vorgeschriebenen Landeort handelt!
"Geschickt!" dachte
ich mir, denn wie sollten wir, die Bewohner einer Region, in der die
Produktnamen "Herforder", "Detmolder" und "Paderborner" die
überwiegenden
Grundbedürfnisse eines
normalen Segelfliegers "am Boden" abdecken, auch diese lokale
Verklausulierung für eine Strafrunde 'Licher-Pils' erkennen?
Nach diesem Vorfall waren die nachfolgenden Piloten natürlich gewarnt und
hielten deutlich Abstand zum ED-D 'LP'. Das war aber nur wenig
hilfreich, denn es gelang Josef an diesem Tag immer wieder, einige Piloten
gezielt und strategisch durchdacht in "Unaufmerksamkeit" und "Hektik" zu
treiben, dass ihnen oftmals nichts anderes übrig blieb, als rechts auf- bzw.
abzusteigen – was natürlich wieder eine Kiste 'Licher-Pils' kostete.
Sehr gefreut habe ich mich an diesem Tag über unsere jüngsten Piloten. Als
Angehörige einer Generation, in der man Holz oft nur noch in der Form eines
Weihnachtsbaumes, Carports oder Holzpellets vor Augen hat, muss ihnen das
Vorhaben "Fliegen mit dem Schulgleiter" im voraus äußerst merkwürdig
erschienen sein. Entgegen mancher Zweifel legten aber gerade Sarah, Lea und
Sven tadellose Flüge hin.
Um
17:30 Uhr endete der erste Flugtag und unsere Bilanz konnte sich wirklich
sehen lassen: 32 Starts waren für eine "viel zu kleine Gruppe" nicht
schlecht. Zudem hatten wir unentwegt das Gummiseil gezogen, alles klaglos
wieder eingeräumt und nichts kaputt gemacht. Also – wozu braucht man
eigentlich 20 Leute?
Nach einem ausgiebigen Abendessen in der Gersfelder Pizzeria und einem
Umtrunk in den Räumen des OSC zog es uns dann aber noch einmal hinaus in die
klare Nacht. Am Südhang bot sich uns ein unvergleichlicher Sternenhimmel und
unser Hobbyastronom Bernhard mühte sich redlich, uns die einzelnen
Sternenbilder zu erklären. Den "Kleiderbügel" konnte ich in dieser Nacht
allerdings nicht mehr in allen Einzelheiten erkennen...
Der
Sonntagmorgen bescherte uns einen tiefblauen Himmel und deutlich stärkeren
SW- Wind. Als wir gegen 10:30 Uhr mit Schulgleiter und Gummiseil am Südhang
eintrafen, herrschte dort bereits Hochbetrieb. Im Hangaufwind tummelten sich
viele Modell- und Gleitschirmflieger und hinter dem Zaun zogen Heerscharen
von Zuschauern vorbei. Zwar spürten einige von uns noch die 32 Starts vom
Vortag in ihren Beinen, und die lange Nacht unterm Sternenhimmel in ihren
Köpfen, aber dennoch gab es keine erkennbaren Schwächen im Startablauf. Ganz
im Gegenteil, denn während das Gummiseil am Samstag lediglich mit 10
"Gummihunden" besetzt war, liefen nun durchgehend 14 eifrige Beinpaare den
Hang hinunter. Aber halt: Wie geht das, wenn nur 16 "Ostwestfalen" zur
Stelle sind und ein Schulgleiter zudem von mindestens 4 kräftigen Helfern
gehalten werden muss? Bis heute ist uns nicht bekannt, ob es sich um "leere
Versprechungen", "ostwestfälischen Charme" oder "bösartige Drohungen"
gehandelt hat, doch es gelang Jan an diesem Morgen, das Defizit in unseren
Reihen durch einen anhaltenden Zustrom von "lauf- und haltewilligen"
Zuschauern auszugleichen. Und so wurde unsere Startmannschaft abwechselnd
von einsamen Motorradfahrern auf der Durchreise, munteren Kegelschwestern
und mutigen Familienvätern bereichert. Diese willkürliche Einbindung
ahnungsloser Zuschauer führte aber auch dazu, dass unsere Flüge nun von
regelrechten Jubelstürmen begleitet wurden und sich mancher – angesichts
dieser Geräuschkulisse – wohl eher an das Neujahrsspringen erinnert fühlte!
Unsere Flugleistungen waren in diesen Stunden wirklich beeindruckend, denn
der starke Wind ermöglichte Zeiten über der 30 Sekundenmarke! Den Tagessieg
erflog Stefan mit 40 Sekunden, dicht gefolgt von Jan mit 37 Sekunden. Nach
einem Durchgang mit 16 "langen" Flügen war unsere Gruppe dann aber wirklich
wie "Flasche leer" und da wir noch einen Besuch des Museums geplant hatten,
beendeten wir den Flugbetrieb gegen 13 Uhr. Zwei Stunden später trafen wir
uns noch einmal mit den "Einheimischen" in der Halle des OSC und erhielten
dabei nicht nur unsere Urkunden, sondern auch noch ein großes Lob von
Karl-Heinz. Hinter uns lagen nun 1½ überaus erlebnisreiche Tage auf der
Wasserkuppe und so ist es eigentlich keine Frage, ob wir im nächsten Jahr
wieder zum SG-Fliegen auf die Wasserkuppe kommen? Natürlich – das habe ich
jetzt schon wieder "fest geplant"!
Jens-Peter Brenzel
Fotos: Bernhard Ballweg
|